Reisetagebuch Kunhegyes 07.Mai 2016


Wer nicht kämpft hat schon verloren!

Aufbruchsstimmung in Kunhegyes. Wir packen unsere Taschen und Hunde ins Auto und fahren noch einmal im Tierheim vorbei um Dahlia und Minike abzuholen, die mit uns weiterreisen. Am liebsten würden wir alle Hunde einpacken, so sehr haben wir diese wunderbaren Wesen in unser Herz geschlossen. Es fällt sehr schwer diese Schätze zurückzulassen, sie alle haben ein besseres Leben verdient. Wir hören wie der kleine schwarze Findling Pinto aus dem Wohnwagen nach uns ruft und weint. Leider kann er nicht in einen Zwinger, er ist einfach zu winzig und würde durch die Gitterstäbe entkommen.

Unsere Tage in Kunhegyes sind gezählt, aber die Ungarnreise ist noch lange nicht vorbei. Wir fahren nach Cegléd um Gizi und Imre zu besuchen, private Tierschützer, die wahrlich helfende Engel sind. Wie oft schon haben sie kranke und hilfsbedürftige Fellnasen wieder aufgepäppelt. Im Augenblick beherbergt das Ehepaar sieben Hunde. Wir wollen uns die Fellnasen ansehen und schöne Fotos für die Homepage machen, denn jeder vermittelte Hund schafft Platz für ein neues Tier in Not.
Gizi in Cegléd
Den Hunden bei Gizi geht es gut, sie leben im Haus und sind sehr gut versorgt. Gizi hat jahrelange Erfahrung und erkennt sofort, wenn mit einem Tier etwas nicht stimmt. Leider wohnt sie mitten in einem Wohngebiet und die sieben Pfleglinge sind die absolute Schmerzgrenze für die Nachbarn. Dahlia und Minike springen gut gelaunt über Gizis Innenhof, als hätten sie ihr Leben lang nichts anderes getan. Die beiden werden ihren neuen Menschen sicher viel Freude bereiten, da bin ich mir sicher. Wie schön, dass Hunde im Hier und Jetzt leben, davon können wir Menschen uns eine Scheibe abschneiden.
Tierschutz-Zentrum Swiss Ranch

Nach einem Glas Saft, selbstgebackenen Keksen und selbstverständlich ganz vielen Fotos geht es weiter zur Swiss Ranch in Helvécia. Kaum angekommen werden wir von einem Sommergewitter überrascht, das aber schnell wieder vorbei ist. Ich freue mich auf unsere Schützlinge Sonja und Vexie, die dort dank Patenschaften rehabilitiert werden können. Seit 10 Jahren leitet Gàbor Izsàk diese Auffangstation für verhaltensauffällige und in Not geratene Hunde.

Sonja macht große Fortschritte. Es scheint, als sei sie mittlerweile verträglich mit anderen Hunden. Aus Rücksicht um die Sicherheit aller Fellnasen wird Sonja mit Maulkorb in den Auslauf gelassen. Sie hat Spaß und wirkt viel gelöster als bei unserem letzten Besuch. Auch Vexie unser Sorgenkind springt fröhlich über den Rasen. Sie ist eine lebensfrohe und positive Hündin, die mit ihrer Behinderung am rechten Vorderbein gut klar kommt. Leider kommt es immer noch vor, dass Vexie andere Hunde attackiert. Deswegen kann sie nur von erfahrenen Hundehaltern als Einzelhund gehalten werden.

Vexie wurde mittlerweile in einer Spezialklinik in Budapest vorgestellt. Die Untersuchungen ergaben, dass durch die alte unbehandelte Verletzung der Schulter Nerven gequetscht und sogar durchtrennt wurde. Im Klartext heißt das, dass Vexie mit diesen Schäden wird leben müssen, auch eine OP kann hier nicht mehr helfen. Wenn Vexie starke Schmerzen hat, was man ihr sofort anmerkt, bekommt sie Schmerzmittel. Magnetfeldtherapie tut ihr auch gut, sie setzt ihre Pfote mehr ein als früher. Trotzdem wird sie leider ein Pflegefall bleiben. Ich mache mir Gedanken um Vexie. Wer mag sich schon die Mühe machen einen behinderten Hund mit Verhaltensauffälligkeiten zu sich zu nehmen? Und dann darf sie nur in die Schweiz oder nach Österreich vermittelt werden. Das macht es nicht leichter. Wo findet sich dieser eine Mensch, der bereit ist sich voll und ganz auf Vexie einzulassen? Wer nimmt die Hündin wie sie ist – eine Fellnase mit physischen und psychischen Defiziten, aber voller Elan und Lebenslust? Mit Sorge im Herzen ziehen wir weiter zum nächsten Etappenziel.

Vorkontrolle im Paradies

Weiter geht es zu einer Schweizer/Irischen Familie, die in Ungarn in einer wundervollen Gegend lebt. Sie möchten einen Begleiter von uns adoptieren und wir haben das Vergnügen an diesem wunderschönen Ort die Vorkontrolle zu machen. Idyllisch liegt der Hof inmitten der Puszta. Zwei Pferde, ein Hund, ein stolzer Hahn und unberührte Landschaft soweit das Auge reicht. Das ist die schöne Seite von Ungarn, in die man sich sofort verliebt.

Die Schattenseite erleben wir täglich im Rahmen unserer Tierschutzarbeit. Ein Hund gibt weder Fleisch, noch Milch oder Eier und fungiert lediglich als Türklingel und Warnanlage. Dafür reichen ein Meter Kette oder ein kleiner Käfig vor dem Haus, mehr ist der Hund nicht wert. Der netten Familie die wir besuchen, sind die vielen streunenden Hunde auch aufgefallen. Allerdings war ihnen nicht bekannt, dass es in jeder ungarischen Kleinstadt eine Tötungsstation gibt. Wir unterhalten uns über das Paradies für Tiere und das nicht enden wollende Elend der Straßenhunde. Mein Herz wird schwer, so viele Jahre schon bin ich bereits im Tierschutz aktiv und jeder kleine Fortschritt wird mühsam erkämpft. Man muß schon ein ganz besonderer Schlag Mensch sein, wenn man sich tagein tagaus diesem Wahnsinn stellt.

Nach einem Kaffee und einem Stück Kuchen, diese Reise ist nichts für die schlanke Linie, geht es endlich weiter nach Tordas Zoo zu Krisztina Fedak. Spät abends kommen wir an, müde und leer. Der Laptop wartet, das Reisetagebuch soll geschrieben werden. Ich schlafe auf dem Sofa ein.

Die Welt ist so schön und wert, dass man um sie kämpft.
― Ernest Hemingway