Reisetagebuch Kunhegyes 04.Mai 2016


Verzweifelter Kampf ums Überleben

„Ich wünsche mir, dass jeder von Euch einmal zu uns in die Station kommt und eine Woche mit uns dem Tod ins Auge sieht. Dass Ihr streunende Hunde von den befahrenen Straßen sammelt in der Hoffnung, dass beide – Hund und Mensch – den Rettungsversuch lebend überstehen werden. Körperliche Schwerstarbeit leistet, in gleissender Hitze und in schneidender Kälte, Tag für Tag, Woche für Woche. Niemals Pause. Tagtäglich bei 100+ Hunden den Kot aus den Boxen säubert, verzotteltes Fell bürstet, eitrige Wunden versorgt und mit traumatisierten Hunden arbeitet.“

Dies sind die Worte einer verzweifelten ungarischen Tierschützerin, die meine größte Hochachtung hat. Es ist so leicht gemütlich auf dem Sofa zu sitzen und zu kritisieren, während ausgeblendet wird, in welchem Elend sich die Tiere hier befinden und unter welchen Verhältnissen gearbeitet wird.

Gesagt, getan! Endlich sind wir im Tierheim Kunhegyes. Es ist 09:00 Uhr morgens und die Hunde sind ganz aufgeregt. Sie spüren, dass heute etwas anders ist als sonst. Besuch ist da. Und nicht irgendein Besuch, der mal schnell einen Hund loswerden will und dann wieder geht. Nein, wir sind da um mit anzupacken. Also, Ärmel hoch und los geht’s. Der Rasen der Freilauffläche muss dringend gemäht und die Zwinger sollen gereinigt werden. Während wir den Schlauch für den Hochdruckreiniger ausrollen, stellen wir fest, dass die Ratten ihn zernagt haben. So ist das leider, wenn man neben einer Müllhalde lebt – die Ratten bekommt man frei Haus.

Mesi und ich fahren los um einen Rasenmäher abzuholen und einen neuen Schlauch zu kaufen. Bald sind wir wieder zurück und die Arbeit kann losgehen. Einen Zwinger nach dem anderen holen Feco, Mesis Helfer, und Selina die Hunde heraus und lassen sie in den Freilauf. Selina nutzt die Gelegenheit um wunderschöne Fotos der Fellnasen zu machen. Währenddessen habe ich den Hochdruckreiniger in der Hand und mache sauber. Es ist gut, dass wir in der Lage sind einen gewissen hygienischen Standard aufrecht zu halten. Dennoch sind die kahlen Zwinger mit ihren Betonböden kalt und abstoßend. Es gibt nichts womit die Tiere sich beschäftigen können und so finden wir viele Holzhütten angenagt und teilweise massiv beschädigt vor. Die Hunde kleben am Gitter und wollen raus! Jeder wartet sehnsüchtig, dass er dran ist und freut sich, wenn sich seine Zwingertür öffnet. Die Hunde sind alles wunderschöne, liebe Tiere und ihr trauriger Blick, wenn es zurück in den Zwinger geht, bricht mir das Herz.

Nachdem alle Zwinger gereinigt, ausgeschrubbt und desinfiziert sind, werden sie mit den mitgebrachten Plastikwannen versehen. Es ist zwar nicht viel, aber diese Hunde freuen sich über die kleinste Kleinigkeit, eine neue Hundewanne, eine neue Decke.

Plötzlich kommt eine Familie ganz aufgelöst auf die Station und hat einen Welpen im Arm. Der kleine Knopf ist ca. 6-8 Wochen alt und wurde von den netten Helfern winselnd in einem Gebüsch gefunden. Leider hat der Tierarzt heute geschlossen, aber morgen Vormittag wird der Welpe gleich vorgestellt. Hoffentlich überlebt er die Nacht! Wieder einmal wird deutlich, dass die Lebensrealität der anderen Seite unserer Organisation, nämlich hier in Kunhegyes, knallhart und unerbittlich ist. Es wird jeden Tag um das Überleben der Tiere in Not gekämpft, das ist oberste Priorität und die bittere Wahrheit.

Nachdem wir uns von diesem Schock erholt haben, geht es wieder ans Schaffen. Die Arbeit nimmt kein Ende und helfende Hände werden immer gebraucht. Kurze Zeit später klingelt das Telefon und es wird mitgeteilt, dass ein kleiner verängstigter Hund zwischen zwei Häusern in einer Ecke im Gebüsch sitzt. Wir fahren sofort los und finden an der beschriebenen Stelle ein Häufchen Elend. Weil die Fellnase sich nicht heraus traut, kriecht Feco ins Gebüsch um die kleine Maus mit in die Station nehmen zu können. Auch sie wird morgen dem Tierarzt vorgestellt werden.

Alles in allem war es ein intensiver erster Tag in der Station, voller harter Arbeit und Emotionen. Trotzdem haben wir es noch geschafft mit Mesi zusammen zu sitzen und eine Wunschliste aufzuschreiben. Mit dieser Liste will ich den heutigen Tag abrunden und wünsche allen die Einsicht, wie gut es uns in Deutschland doch eigentlich geht.

In diesem Sinne gute Nacht wünschen
Iris und Selina

Wunschliste Kunhegyes

  • Babywanne um die Hunde baden zu können
  • kleine Wanne um die Schuhe der Tierschützer desinfizieren zu können
  • Handdesinfektion
  • Schiefertafeln und Kreide um die Namen der Hunde an die Zwinger zu hängen
  • noch mehr Hundewannen zum Schlafen
  • Hundespielzeug in Form von geflochtenen, robusten Seilen (werden oft für Zerrspiele benutzt). Wenn die Hunde diese zerbeißen, essen sie bestenfalls ein wenig Stoff.
  • Einen Schreiner der uns einen neuen Zaun um die Station zieht.
  • Einen Kemptner der für uns ein Hundewaschbecken, ähnlich wie das Spülbecken einer Großküche, montieren kann.