Ein Traum wird wahr


Am Wochenende war bei uns viel los. Ein Traum wird wahr – so kann man Vexys Reise von Ungarn zur Pflegestelle in Österreich beschreiben. Aber wir wollen diese tapfere Hündin mit dem unerschütterlichen Lebensmut selbst zu Wort kommen lassen.

Ein Hundeleben

Mein Name ist Vexy und ich möchte euch gerne meine nahezu unendliche Geschichte erzählen. Ich bin eine achtjährige Staffordshire Bull Terrierhündin. 2011 wurde ich als junger Hund von einer lieben Frau auf der Straße gefunden. Erschöpft und hungrig, mit einer gebrochenen Schulter, lag ich im Dreck. Im Tierheim bekam ich Futter, musste fremde Menschen nicht mehr fürchten, keine Hundekämpfe erdulden, aber viel mehr passierte nicht. Ich saß in einem kleinen Zwinger, meine Schulter wurde – wohl aus Geldmangel – nicht behandelt und regelmäßige Spaziergänge gab es auch keine. Mit anderen Hunden durfte ich nicht spielen, man sagte, ich sei unverträglich. Drei Jahre vergingen so und die Schmerzen in meiner Schulter, die Langeweile und Einsamkeit im Tierheim, machten mich sehr unglücklich. Menschen bekam ich kaum zu sehen und manchmal verließ mich der Lebensmut.

Im November 2014 kam eine Tierschützerin mit ihrer Mutter in das Tierheim. Das junges Mädchen, welches sich alle Hunde genau anschaute, entdeckte mich und kam zu meinem Zwinger. Es schien mir, als hätte sie sich gleich in mich verliebt und würde mich mitnehmen. Doch konnte Chantal, so hatte ihre Mutter sie gerufen, mich leider nicht nach Deutschland einführen, weil ich ein sogenannter Listenhund bin. Aber sie spielte mit mir, streichelte mich und flüsterte mir ins Ohr. Chantal versprach mir, dass sie mich rausholen würde aus dem Zwinger, dem Tierheim, der Einsamkeit.

Warteschleife

Minuten wurden zu Stunden, Stunden zu Tage, Tage zu Monaten, es kam mir vor, als hätte ich Chantals Besuch nur geträumt. Wann würde sie endlich wiederkommen und mich holen? Sie hatte es doch versprochen! Jeden Tag wurden die Schmerzen in meiner Schulter schlimmer. Ich bekam zweimal täglich Futter und nahm an Gewicht zu. Der kleine Zwinger und die mangelnde Bewegung führten dazu, dass ich Muskeln abbaute. Ich konnte meinen schweren Körper kaum noch auf meinen drei Beinen halten, das kaputte Bein mochte ich gar nicht benutzten.

Das kleine Glück

Endlich war es soweit. Ich erkannte sie sofort wieder. Anfang 2016 wurde ich von Chantal und ihrer Mutter abgeholt – ein Traum wird wahr! Es ging aber nicht in ein Zuhause, sondern zur Swiss Ranch, ein Rehabilitationscenter für Hunde in Ungarn. Dank dem unermüdlichen Einsatz der Helfer vom Paradies für Tiere, und natürlich der finanziellen Unterstützung der lieben Tierpaten, bekam ich nun eine Art Spa-Urlaub für Hunde. Ich wurde in eine Tierklinik gebracht, um meine Schulter gründlich zu untersuchen. Leider stellte sich heraus, dass nichts mehr getan werden konnte, außer mir bei Bedarf mit Schmerzmittel das Leben zu erleichtern. Physiotherapie machte ich, um die Beweglichkeit in meiner Schulter zu verbessern. Mein neues Zuhause war ein großer Zwinger mit Erde, so dass ich buddeln konnte. Endlich! Ich wurde spazieren geführt und durfte auf der Hundewiese toben. Nach und nach bauten sich meine Muskeln wieder auf und das Gewicht normalisierte sich. Jetzt sehe ich wieder aus wie ein echter Staffordshire Bull Terrier und kann ziemlich flink durch die Gegend humpeln!

Die Telefondrähte glühen heiß

Während ich mich von der Mühsal der vergangenen Jahre erholte, telefonierte Vermittlerin Anette stundenlang mit vielen Interessenten und potentiellen Adoptanten. Beiträge über mich wurden in den sozialen Medien verbreitet, Geschichten auf die Homepage gestellt. Chantal hat mir erzählt, dass ich mehr als vierzigtausend Mal auf Facebook geteilt wurde. Ich bin berühmt!

Und was kommt jetzt?

Vergangenen Samstag war es dann soweit. Wieder einmal kam Chantal nach Ungarn, diesmal mit Mama und zwei Männern im Schlepptau. Ich freute mich so sehr, sie wiederzusehen. Stolz wedelte ich sie an, ich glaube, sie hat mich fast nicht erkannt. Aber ich wusste sofort wer sie ist. Es war ein gutes Gefühl sie zu sehen und ihr Geruch kam mir so vertraut vor. Sofort rannte ich auf sie zu und wir haben einen langen Spaziergang gemacht. Alles fühlte sich auf einmal so anders an, so frei. Ich fühlte, dass ich endlich richtig leben darf. Nicht mehr vergessen, übersehen, in der Warteschleife sein – ein Traum wird wahr.

Während der Fahrt hörte ich, wie die Männer sich unterhielten und meinten, ich sei nicht verträglich. Das zu hören, machte mir große Sorge. Nicht, dass ich doch wieder in ein Tierheim gebracht werden sollte? Ich wünschte mir, ich könnte die Menschensprache sprechen, dann hätte ich erklärt, dass ich jahrelang depressiv und gestresst war. Dass ich mich nach Gemeinschaft, Liebe und Geborgenheit sehnte. Und dann noch diese Schulter – ich hatte einfach keine Lust auf meine Artgenossen, habe mich zurückgezogen. Chantal war die einzige, die das verstanden hat. Danke, dass du für mich gekämpft hast!



Ein Traum wird wahr

Nach einer langen Fahrt erreichten wir ein wunderschönes Haus in Österreich. Der Kofferraum öffnete sich. Chantal hatte ihr Versprechen gehalten, ich war frei. Wir gingen in das große Haus mit der netten Frau, die mich bei sich aufnahm. Aber es sollte noch besser werden – in dem Haus wohnte nicht nur diese freundliche Frau, mein Pflegefrauchen, sondern es begrüßte mich auch ein Hundekumpel. Ich konnte mein Glück kaum fassen. Ich freute mich ununterbrochen, wedelte und wedelte mit meinem Schwanz und zeigte jedem ganz deutlich wie begeistert ich bin. Ein Traum wird wahr! Unverträglich, dass ich nicht lache. Das bequeme Sofa nahm ich direkt für mich ein und dann hab ich mich gründlich beschmusen lassen. Später spielten mein neuer Freund und ich auf dem Sofa. Chantal, mein Schutzengel reiste nach einer Weile wieder nach Deutschland. Dieses Mal konnte ich sie mit einem frohen Herzen ziehen lassen.

Ein tierisches Dankeschön an alle lieben Menschen, die an mich geglaubt haben. Dank euch lebe ich in einer traumhaften Pflegestelle mit vielen meiner Artgenossen und genieße mein Hundeleben. Ich bin frei und bekomme Liebe und Geborgenheit. Pflegefrauchen richtet viele Grüße aus und sagt, ich verstehe mich mit jedem und zeige jeden Tag wie dankbar ich bin.

In diesem Sinne: wuff wuff!