Die Zeit vergeht – die Erinnerung bleibt


Kunhegyes, 11. Juli

Der Tag ist kaum angebrochen, schon machen wir uns auf den Weg in die Station Kunhegyes, um den brennenden Sonnenstrahlen voraus zu sein. Die Hunde sollen schließlich die Welt außerhalb der Gitterstäbe genießen können. Es geht los mit den beiden Kraftpaketen Melinda und Roxie, die wir doppelt angeleint auf Erkundungstour mitnehmen. Wir wissen nicht, wie die Bevölkerung  auf uns reagieren wird, denn hier in der Tundra ist es eher ungewöhnlich sich derart um seine Hunde zu kümmern oder sogar mit ihnen spazieren zu gehen. Denise, die beiden Fellnasen und ich sind also ein exotischer Anblick für die Dorfbewohner. Nach einer guten Stunde kehren wir zurück und nehmen die nächsten Hunde mit uns.

Trotz aller Befürchtungen ist eine Runde toller als die andere. Es ist wunderschön zu sehen, wie glücklich die Fellnasen sind, einmal ihren Zwinger verlassen zu können und tatsächlich mit einem Menschen spazieren zu gehen. Es gibt kein Ziehen oder Zerren, der kleine Augenblick des Glücks wird genossen. Bis uns die Mittagssonne einholt und es einfach zu heiß wird. Wir entschließen uns das Beste aus der Situation zu machen und stellen für einige der Hunde Planschbecken auf dem Gelände auf. Außerdem machen wir mit der Fellpflege weiter, einige Schützlinge haben ein völlig verfilztes und verdrecktes Fell. Die Zeit vergeht wie im Flug und im Nu ist der Tag vorbei.

Kunhegyes, 12. Juli

Der letzte Tag im Tierheim Kunhegyes bricht an. Wir gehen wieder mit einigen Hunden spazieren. Zum Abschluss scheren wir Negro, der dringend eine Frisur braucht. Dann ist es schon Zeit uns auf den Weg Richtung Tordas Zoo zu machen. Wir werfen einen letzten Blick auf die meist verfallenen Gebäude mit den Zwingern, aus denen uns traurige Hunde hinterher schauen.

Die Autofahrt verläuft schweigsam. Denise und ich verarbeiten die gesehenen Bilder und die Hundeschicksale, an denen wir teilgenommen haben.

Spät nachmittags kommen wir in Tordas Zoo an und der Tag beginnt noch einmal von vorne. Wieder machen wir eine Tour über das Anwesen und besuchen alle Fellnasen, um sie zu begutachten und kennenzulernen. Denise macht Fotos und wir versuchen, die ersten Eindrücke festzuhalten. Es ist wichtig für unsere Arbeit als Vermittler, die Hunde einmal persönlich erlebt zu haben.

In einem großen Zwinger mit Auslauf sitzen die Dreimonatswelpen. Die kleinen Racker haben es faustdick hinter den Ohren. Denn kaum haben wir unsere Tour beendet, erstarrt das ganze Anwesen unter dem kläglichen Geheule einiger Hunde. Sofort rennen alle Richtung Lärm, um nach dem Rechten zu sehen. Die kleinen Feger haben es doch tatsächlich geschafft, sich durch eine winzige Lücke im Zaun zu quetschen und in das Nachbargelände der älteren Hunde zu schlüpfen. Voller Freunde und mit spielerischem Toben werden die Großen aufgemischt, was nicht besonders gut ankommt. Die Welpen bekommen ordentlich die Meinung gegeigt. Das hat einen der Welpen so schockiert, dass er vor lauter Schreck das Bewusstsein verloren hat. Sofort sammeln wir die Kleinen ein, bringen sie in ihren Zwinger und tragen die regungslose Fellnase in die Krankenstation. Was ein Schock!

Müde und erschöpft von den vielen Eindrücken gehen wir auf unser Zimmer und fallen schnell in den Schlaf.

Tordas Zoo, 13. Juli

Wer in einem Tierheim arbeitet braucht keinen Wecker, denn die Hunde sind früh wach und wecken einen mit ihrem Gebelle. Die erste Aufgabe heute ist es, die Spenden zu sortieren. Aus Kunhegyes haben wir eine Bestellliste mitgenommen, welche wir nun sorgfältig abarbeiten, damit jede Fellnase das gewünschte Futter bekommt. Der Vormittag fliegt dahin, während die Sonne vom klaren Himmel brennt. Nach einer kurzen Hitzepause im Schatten, gehen wir die Hunde in ihren Zwingern besuchen, um sie näher kennenzulernen, zu fotografieren und ihnen ein wenig Liebe und Aufmerksamkeit zu schenken.

Als wir bei den Welpen landen, ist grade wieder große Aufregung. Diesmal sind es aber nicht die vorwitzigen Kleinen, nein, eines der Schweine vom Gnadenhof ist bei den Enten ins Gehege geschlüpft und drangsaliert sie. Zu unserem Entsetzen gelingt es dem Borstenvieh eine der Enten ziemlich unsanft zu packen. Zum Glück ist der Pfleger sofort vor Ort und kann die Entendame retten. Nun hoffen wir, dass sie trotz ihrer Verletzungen weiterleben kann.

Denise und ich ziehen weiter um uns die Neuankömmlinge anzusehen, unter anderem Benji, ein sehr aktiver deutscher Jagdhund. Natürlich wünschen wir uns für alle Hunde ein schönes und dauerhaftes Zuhause zu finden, aber Benji ist eines dieser Hundeschicksale, die einem besonders im Herzen weh tun. Benji ist vollkommen unterfordert, nicht ausgelastet und zu allem Übel kann er auch noch klettern. Deswegen muss er die meiste Zeit des Tages im Zwinger verbringen. Wir nehmen uns vor, so schnell wie möglich eine aktive Outdoor-Familie für diese wunderschöne Fellnase zu finden, im Zweifelsfall erst einmal eine Pflegestelle auf Zeit.

So viele tapfere Hundeseelen die jeden Tag um ein kleines bisschen Aufmerksamkeit und Zuneigung betteln. Die allermeisten sind fantastische Hunde, die mit ein wenig Zeit und Geduld wunderbare Lebensgefährten wären. So auch Basko, die Hündin, die schon so lange in Tordas Zoo hinter Gittern wartet. Warum? Weil sie eine fürchterliche Angst vor Gewittern hat. Dabei wäre es doch so viel einfacher für sie, ein solches in einer Wohnung hinter dicken Mauern und mit ein wenig Musik im Hintergrund zu ertragen. Mit ihrem Menschen an der Seite, der ihr Halt gibt und signalisiert, dass alles in Ordnung ist, ihr der Himmel nicht auf den Kopf fallen wird. Stattdessen sitzt sie so gut wie im Freien und ist den Naturgewalten völlig ausgeliefert.

Heute Nacht nehmen Denise und ich Basko mit in unser Zimmer, damit sie bei dem für heute Nacht angekündigten Unwetter keine Angst haben muss. Wir hoffen allerdings, dass sie bald ein Für-immer-Zuhause findet, bei dem sie sich während eines Gewitters in Sicherheit wiegen kann. Im Laufe der Nacht, zwischen Blitz und Donner, findet noch eine Fellnase den Weg zu uns. Wie schön, dass die Beiden wenigstens einmal ein Unwetter in Sicherheit verbringen können.

Tordas Zoo, 14. Juli

Nach einer kurzen, eher unruhigen Nacht wachen Denise und ich mit zwei ängstlichen Fellnasen im Bett auf. Sie waren einige der wenigen Hunde, die Schutz in einer Wohnung fanden. Alle anderen sind in ihren Zwingern Wind und Wetter ausgesetzt. Zu unser aller Erleichterung lässt das Gewitter im Laufe des Vormittages nach und geht in einen leichten Nieselregen über.

Da so schlechtes Wetter ist, entscheiden wir uns mit Kristina in die Stadt zu fahren. Für heute steht der Besuch einer Schule, eines Kindergartens und eines Behindertenheimes auf dem Programm. Wir haben acht Therapiehunde dabei und es ist schön zu sehen, wie sich die kleinen und großen Kinder über die Hunde freuen. Alle hören Krisztina aufmerksam zu und streicheln dann die geduldigen Fellnasen. Hoffentlich wird dieses Erlebnis hängen bleiben und ihre Einstellung zu Hunden nachhaltig verbessen.

Weiter geht es zum Behindertenheim. Hier nimmt Krisztina die vier erfahrensten Therapiehunde mit. Man merkt den Hunden an, dass die Arbeit mit Behinderten anstrengend und schwierig ist, da die motorischen, kognitiven und intellektuellen Fähigkeiten der Menschen eingeschränkt sind. Trotzdem freuen sich grade sie besonders über die Nähe eines Hundes. Dank Krisztinas Arbeit erleben die Bewohner des Heimes ein wenig Abwechslung und Freude in ihrem Alltag.

Zurück in Tordas Zoo drehen wir noch einmal unsere Runde und vertiefen die gewonnenen Eindrücke. Unsere Woche in Ungarn neigt sich dem Ende entgegen, morgen gilt es die letzten Dinge zu erledigen und dann geht es nach Hause.

Tordas Zoo, 15. Juli

Der letzte Tag vor der Abreise; wir lassen in ruhig angehen. Wir nehmen uns viel Zeit für die Hunde, die fast durchgehend im Zwinger sind, viele von ihnen in Einzelhaltung. Meist handelt es sich dabei um Ausbrecherkönige oder auch Vierbeiner, die sich mit ihren Artgenossen nicht so gut verstehen.

Zunächst geht es mit Chanelle und Hektor über das Anwesen und weiter bis zum nahegelegenen Teich. Man merkt, wie sehr die Beiden es genießen Gras unter den Pfoten zu spüren. Später ist Hope an der Reihe, auch sie freut sich, mal etwas anderes zu sehen als den Hund im Nachbarkäfig. Zum Schluss führen wir etwas größere Vierbeiner an der Leine – Denise und ich bringen die Pferde auf die Weide.

Nachmittags findet eine Abschlussfeier des Sommercamps für Kinder statt. Manche Kinder reiten stolz und zeigen ihr Können, andere führen akrobatische Kunststücke vor. Die Feier endet mit einer beeindruckenden Hundevorstellung. Kinder allen Alters und ihre Hunde führen allerlei Tricks vor. Wir sind schwer beeindruckt und freuen uns zusammen mit den anderen Zuschauern. Es ist so wichtig Aktivitäten dieser Art anzubieten und zu fördern, damit sich die Einstellung der Gesellschaft nicht nur zum Haustier Hund, sondern zum Tier im Allgemeinen grundlegend ändern kann.

Abends packen wir und bereiten alles für eine frühe Abreise vor. Plötzlich bekommen wir mit, dass Krisztina auf dem Rückweg aus der Stadt ausgesetzte Katzenbabys gefunden hat. Die Kleinen schauen uns mit ihren Kulleraugen an, so dass man am liebsten alle mit nach Hause nehmen würde. Im Sommer ist es immer besonders voll auf der Katzenstation und es sei hier erwähnt, dass wir gerne auch Katzen vermitteln. Weil es grade so viele Samtpfötchen in Tordas Zoo gibt, wird das Katzenstreu knapp. Wir werden Katzenstreu in die Wunschliste des Tierschutzshop mit aufnehmen, vielleicht mag jemand den niedlichen Kätzchen etwas spenden.

Nachdem das Wohlergehen der kleinen Findlinge gesichert ist, heisst es für uns „ab ins Bettchen“. Denise und ich freuen uns auf Zuhause. Natürlich haben wir eine anstrengende Fahrt vor uns, aber wir nehmen die vermittelten Fellnasen mit und freuen uns, sie in ihr neues Zuhause zu bringen. Ein Für-immer-Zuhause, weit weg von den Straßen Ungarns, der Tötungsstation und dem dort herrschenden Leid.

Ende